Was ist Armut?

  • Soeben tätigte der designierte Bundesminister Spahn die Aussage, mit Hartz IV sei man nicht automatisch arm.
    Die soziale Armut ist hierbei wohl eher nicht gemeint, die vor allem im Alter um sich greift.


    Studenten sind ja "quasi" prinzipiell finanziell arm, aber dennoch frohen Mutes ob ihrer Zukunft.


    Wo fängt für euch Armut an?

  • Wenn das aus einem Vollzeitjob (35-40h/Woche) erwirtschaftete monatliche Einkommen nicht mehr reicht, um alle für das Überleben notwendigen Ausgaben zu decken (damit meine ich Miete für ein Zuhause, das dem Einkommensrahmen entspricht, Nahrung, Telefon/Internet, Stromkosten, Heizungskosten, Transportkosten je nach Möglichkeiten) - das ist für mich Armut. Davon ausgenommen sind Schulden und Extras wie Essen gehen, Rauchen, Alkohol, etc. was man nicht zwingend zum Überleben benötigt. Ein Vollzeitjob sollte ein Leben ermöglichen, das sich nicht direkt an der Grenze zu 'nur eine einzige Sonderausgabe und man muss einen Kredit aufnehmen' befindet.


    Ich habe eine Weile Hartz IV bezogen und kann aus eigener Erfahrung berichten, dass man damit als Singlehaushalt durchaus überleben kann - aber nur, wenn man selbst kocht und konsequent auf alle Sonderausgaben verzichtet. Kulturelles Leben, Leute ausserhalb der eigenen Stadt besuchen, ausgehen, Alkohol, Rauchen oder ähnliches sind mit dem Geld aus dem Hartz IV Satz nur dann möglich, wenn man an allen anderen Ausgaben knapst. Und wenn irgendein Elektrogerät kaputt geht, hat man ein Problem. Geld ansparen kann man damit imho nicht, Weihnachten, Geburtstage von Familienmitgliedern, Ostern und ähnliches waren immer mittlere Katastrophen.

  • Das reine Überleben, ist das lebenswert? Wenn man sich keine Freuden/Laster erlauben darf? Oder genügt die kostenlose Liebe von Verwandten/Mitmenschen - solange man sie bekommt?


    In München kann man sicher schlechter davon leben bei den Mietpreisen, also müsste man vielleicht auch bereit sein in eine günstigere Stadt oder aufs Land zu ziehen.


    Geschenke zu Festen habe ich zum Glück nie groß gemacht. Was Kleines, am besten Selbstgemachtes. Wir spenden sogar inzwischen öfter das Geld an Weihnachten nach Afrika und verzichten auf Geschenke untereinander.


    Da wäre die Idee des kostenlosen ÖPNV sicher auch interessant, auch wenn sich das eher an einem anderen Problem orientiert.

  • Armut ist für mich, wenn man einen dem Leben entsprechenden Standard nicht halten kann.


    Den Begriff Armut kann man nie pauschal definieren, weil jeder einen anderen Standard hat.


    Ich möchte zum Beispiel beim Einkaufen nicht auf das Geld achten müssen. Ich möchte das einkaufen an Lebensmitteln, worauf ich Lust habe und nicht auf etwas verzichten müssen, weil es zu teuer ist.


    Ich möchte auch nicht auf einen spontanen Schwimmbad-Besuch verzichten, weil es zu teuer ist. Diese Sorgen musste ich mir zum Glück, seitdem ich mit 16 mein eigenes Geld verdiene und finanziell absolut unabhängig bin, nicht machen.


    Armut fängt für mich dann an, wenn man sich um das Geld bewusst Sorgen machen muss, bei so Kleinigkeiten wie Lebensmittel einkaufen. Es gibt Familien (gerade die sind davon ja leider am meisten betroffen) die müssen beim Einkaufen immer darauf achten, wie viel etwas kostet. Ich schmeiß es einfach in den Einkaufswagen, ganz gleich was es kostet.

  • ALso ich muss sagen das Hartz IV nicht gleich mit Armut zu setzen ist.
    Ich habe auch eine Zeit lang H4 bezogen und kam wunderbar damit zurecht. Liegt wohl auch dadran das ich mit Geld umgehen kann. Ich kalkuliere Monat für Monat mein GEld. Gehe in der Regel 1x Woche einkaufen um unnötige Ausgaben zu vermeiden. Etliche Menschen gehen 3-4 mal die Woche einkaufen. Das die dadurch weniger Geld haben ist klar. Man kauft mehr ein als man will. Ist meistens so. Ach eine Tafel Schokolade kann ja nicht schaden. SInd ja nur 70Cent. etc. Das summiert sich dann.
    Armut ist für mich 3. Welt oder auf der Straße leben (unfreiwillig). Wobei hier in Deutschland ist es fast unmöglich auf der Straße zu leben. Jedem menschen wird eine Wohnung gewährt. Wer sich nicht drum bemüht kriegt auch nix. Das ist dann deren Pech und auch keine Armut.

  • Man kann imho noch so gut mit seinem Geld umgehen - wenn Dir durch einen dummen Zufall nacheinander zB die Waschmaschine und der PC verrecken, hast Du auch als Hartzer ein echtes Problem. Das ist es, was ich am Hartz IV System so schlecht vorausgedacht finde: die Beitragsbemessung geht vom Überleben aus, nicht davon, zu leben - und dazu gehört auch, dass Dinge schiefgehen können. Dass Sonderausgaben passieren, die man eben nicht wirklich vorausberechnen kann, und so weiter.


    Ja, mit Hartz IV hat man, wenn man nicht verschwenderisch lebt, ein Dach über dem Kopf und Essen im Kühlschrank. Aber auch nicht mehr - Familien mit Kindern und Alleinerziehende haben eher weniger, da die Ausgaben für Kinder, und auch für ein lebenswertes Aufwachsen nicht das Überleben alleine umfassen, sondern auch Sachen wie Schulausflüge, mal mit Freunden was unternehmen, das nicht in der unmittelbaren Nachbarschaft oder im eigenen Zimmer stattfindet, mal kleine Wünsche erfüllen.


    Am sozialen Leben mangels Geld nicht mehr teilnehmen zu können ist auch Armut. Geringere Bildungschancen wegen mangelhafterem Zugang sind auch Armut - wenngleich man nicht betteln geht, irgendwann schlägt es sich imho auf die Psyche nieder, bei allen Unternehmungen im Freundeskreis passen zu müssen, weil das Geld fehlt; zuzüglich zur Fremdbestimmung durch den Ermessensrahmen eines ARGE-Sachbearbeiters.

  • Ich finde das Thema zwar nicht wirklich interessant, aber wenn es so etwas ähnliches wie eine sinnvolle Diskussion gibt, sollte ich mir vielleicht doch die Mühe machen und ein wenig beisteuern.


    Zunächst zu meinem persönlichen Hintergrund. Ich habe, bis ich 18 geworden bin, in einem Haus gelebt, welches zerbrochene Fenster hatte, in welchem die Stromleitungen offen lagen und bei dem es nicht unbedingt ungewöhnlich war, wenn ich für meine Eltern Zigaretten gestopft habe, mit Tabak, welchen man unter anderem von auf dem Boden aufgelesenen Kippen zusammengekratzt hat.


    Als ich 18 geworden bin, wie manch einer von mir hier bereits gelesen hat, haben sich meine Eltern dazu entschieden, mich und meine Brüder mit ihren Schulden und ohne unseren Ersparnisse zurückzulassen. Daraufhin habe ich persönlich Hartz 4 beantragt, was ungefähr ein halbes Jahr gedauert hat, bis man mir dieses gewährt hatte.


    Weiterhin habe ich derzeit zwei Kollegen aus Ausbildungszeit, welche tatsächlich beim Amt arbeiten und dementsprechend gut informiert sind, was Hartz 4 betrifft.


    So viel zu meinem Hintergrund. Fangen wir nun also mit den bisherigen Beiträgen an.



    Sem, du setzt in diesem Beitrag Luxus und Konsum mit Lebensqualität gleich. Fakt ist jedoch, dass Geld nur bis zu einem bestimmten Punkt glücklich/er macht und Glück aus anderem stammen sollte. Hier findet man dazu einen Beitrag, welchen ich nur kurz überflogen habe, weil ich diesbezüglich schon mehr als genug Statistiken, Artikel und psychologische Beiträge gelesen habe.


    Experten sind sich allerdings uneinig, wo genau die Grenze liegt. Das spielt aber auch eher eine sekundäre Rolle; das Wichtige hierbei ist, dass man Geld zum Überleben braucht, Glück sich aber daraus nicht wirklich ableiten lässt. Geld nimmt einem Sorgen, aber es macht nicht glücklich.


    Weiterhin hast du offenbar nicht wirklich eine Ahnung davon, woraus sich Hartz 4 zusammensetzt. Der Mietpreis hat im Allgemeinen nichts damit zu tun, da Miete und Heizung zusätzlich zum Regelsatz übernommen wird. Der Regelsatz setzt sich wie folgt zusammen:


    Das sind durchaus realistische Zahlen.


    Armut ist für mich 3. Welt oder auf der Straße leben (unfreiwillig). Wobei hier in Deutschland ist es fast unmöglich auf der Straße zu leben. Jedem menschen wird eine Wohnung gewährt. Wer sich nicht drum bemüht kriegt auch nix. Das ist dann deren Pech und auch keine Armut.


    Das ist faktisch falsch. Ich kenne genug Fälle, bei denen das System versagt, aufgrund zu hoher Bürokratie und aus anderen Gründen. Im Großen und Ganzen, ja, Deutschland kümmert sich gut um seine Bürger und es ist schwer, wirklich in das, was du als Armut bezeichnen würdest, zu rutschen. Zu glauben, das es nicht passieren kann, wenn man sich nur Mühe gibt, ist schlicht und ergreifend naiv und dumm.


    Man kann imho noch so gut mit seinem Geld umgehen - wenn Dir durch einen dummen Zufall nacheinander zB die Waschmaschine und der PC verrecken, hast Du auch als Hartzer ein echtes Problem. Das ist es, was ich am Hartz IV System so schlecht vorausgedacht finde: die Beitragsbemessung geht vom Überleben aus, nicht davon, zu leben - und dazu gehört auch, dass Dinge schiefgehen können. Dass Sonderausgaben passieren, die man eben nicht wirklich vorausberechnen kann, und so weiter.


    Ja, mit Hartz IV hat man, wenn man nicht verschwenderisch lebt, ein Dach über dem Kopf und Essen im Kühlschrank. Aber auch nicht mehr - Familien mit Kindern und Alleinerziehende haben eher weniger, da die Ausgaben für Kinder, und auch für ein lebenswertes Aufwachsen nicht das Überleben alleine umfassen, sondern auch Sachen wie Schulausflüge, mal mit Freunden was unternehmen, das nicht in der unmittelbaren Nachbarschaft oder im eigenen Zimmer stattfindet, mal kleine Wünsche erfüllen.


    Am sozialen Leben mangels Geld nicht mehr teilnehmen zu können ist auch Armut. Geringere Bildungschancen wegen mangelhafterem Zugang sind auch Armut - wenngleich man nicht betteln geht, irgendwann schlägt es sich imho auf die Psyche nieder, bei allen Unternehmungen im Freundeskreis passen zu müssen, weil das Geld fehlt; zuzüglich zur Fremdbestimmung durch den Ermessensrahmen eines ARGE-Sachbearbeiters.


    Das ist auch nicht korrekt. Im Regelsatz von Hartz 4 befinden sich auch Kostenstellen, welche dafür gedacht sind, dass man sie spart. Man hat es bedacht. Viele haben allerdings höhere Ausgaben, weil sie nicht korrekt mit dem Geld umgehen, was menschlich ist, da es nicht gerade einfach ist, etwas korrekt zu kalkulieren und sämtlichen Wünschen Einhalt zu gebieten.


    Weiterhin gibt das Amt in solchen Fällen immer Unterstützung. Viele Wissen überhaupt nicht, was für Sonderleistungen das Amt einem bietet. Sei es die Übernahme von Umzugskosten, die Kosten für eine (angemessene) Ersteinrichtung der Wohnung, oder sogar der Führerschein, wenn man es korrekt begründen kann. Im Falle einer defekten Waschmaschine kann man mindestens einen zinslosen Kredit bekommen, welchen man abstottert.


    Weiterhin ist es inkorrekt zu sagen, dass Familien mit Kindern weniger haben. Hierfür ist unter anderem das Kindergeld da und es gibt weitere Vergünstigungen. Außerdem sollte man nicht vergessen, was hier scheinbar vergessen wird, dass Hartz 4 ein Netz ist, um Menschen kurzfristig aufzufangen, nicht eine Hängematte in der es bequem sein soll.


    Armut ist relativ. Das ist vielen schlicht und ergreifend nicht bewusst. Eine Person, welche ein kleines Holzhaus hat, ist nicht per se ärmer, als jemand mit einer Villa. Solange man versorgt ist und dies sich mit den Erwartungen an das Leben deckt, ist man nicht arm.


    In diesem Zusammenhang hätte ich mir für mein Leben gewünscht, dass Dr. Jordan Peterson sein Buch "12 Rules for Life - An Antidote to Chaos" früher veröffentlicht hätte, da es mir in meinem Leben geholfen hätte. Wenn man etwas verfolgt, was einem in der Seele brennt, wenn man anfängt Verantwortung zu übernehmen, wird das Leben lebenswerter.


    Mittlerweile verdiene ich ungefähr das, was der deutsche Durchschnitt verdient; ich habe nur eine Ausbildung und bin vergleichsweise Jung. Ich kann aber auch sagen, dass ich dadurch nicht wesentlich glücklicher geworden bin, wenn ich es mit der Zeit vergleiche, in der ich mich selbst als "arm" bezeichnet habe. Ich bin heute glücklicher, weil ich angefangen habe, mich für meine Hobbys stärker zu engagieren.


    Zum Beispiel investiere ich die Woche, neben der 40-Stunden, welche ich auf der Arbeit verbringe, gut und gern 10-15 Stunden mit meiner Webseite. Ich recherchiere, schreibe, lese, Netzwerke. Ich genieße es sehr.


    Freundliche Grüße
    Shandal

  • Armut ist eine Kopfsache. Geld bedeutet etwas, weil man selbst die Bedeutung verleiht. Klar braucht man so viel Geld um ein Dach über den Kopf zu haben, also als Safety Measure, aber alles darüber hinaus ist Luxus. Und wie viel man davon braucht - also wie abhängig man sich machen möchte - entscheidet jeder selbst.

  • du setzt in diesem Beitrag Luxus und Konsum mit Lebensqualität gleich

    Ich bin in dem Beitrag auf den meiner Vorposterin eingegangen. Zudem habe ich direkt die Frage gestellt, ob das überhaupt die Lebensqualität ausmacht.

    Weiterhin hast du offenbar nicht wirklich eine Ahnung davon, woraus sich Hartz 4 zusammensetzt. Der Mietpreis hat im Allgemeinen nichts damit zu tun, da Miete und Heizung zusätzlich zum Regelsatz übernommen wird.

    Zitat

    Empfänger von Arbeitslosengeld II haben keinen Anspruch auf eine volle Übernahme ihrer Wohn- und Heizkosten. Es sei "verfassungsrechtlich nicht zu beanstanden, dass der Gesetzgeber keinen Anspruch auf unbegrenzte Übernahme der Kosten für Unterkunft und Heizung normiert hat", entschied das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe.

    http://www.t-online.de/nachric…cht-voll-uebernehmen.html


    Wenn du schreibst, dich interessiert das Thema nicht sonderlich, habe ich auch nicht viel Lust, auf deinen Beitrag einzugehen. Hat auf mich psychologisch vielleicht nicht die erhoffte Wirkung.

  • http://www.t-online.de/nachric…cht-voll-uebernehmen.html
    Wenn du schreibst, dich interessiert das Thema nicht sonderlich, habe ich auch nicht viel Lust, auf deinen Beitrag einzugehen. Hat auf mich psychologisch vielleicht nicht die erhoffte Wirkung.

    Du missverstehst deine Quelle, wie es mir scheint.


    Um dir ein wenig mehr Background zu geben, damit es eindeutiger ist:


    Hartz 4 ist der Regelsatz zuzüglich Heiz- und Mietkosten. Allerdings sind dem Grenzen gesetzt, damit eben kein Hartz 4-Empfänger in einer 120m² großen Wohnung alleine leben kann, welche über Tausend Euro im Monat kostet.


    Wie viel tatsächlich übernommen wird, ist regional unterschiedlich. Die meisten "normalen" Wohnungen, welche auch für Vollzeit-Angestellte angemessen wäre, würden aber komplett übernommen werden. Sollte man eine bessere Wohnung für niedrigeren Preis finden, kann man sich diese auch nehmen. Die Anzahl an Personen innerhalb der Bedarfsgemeinschaft erhöhen ebenfalls die übernommene Miete und somit die gestatteten m².


    Weiterhin gibt es auch bei der Wohnungssuche Hilfestellungen und, wenn man eben den Luxus einer größeren Wohnung möchte, kann man sich dazu entscheiden, den Rest mit seinem Regelsatz zu bezahlen.


    Sofern du also von Erhöhungen beim Hartz 4 liest, dann ist damit nur der Regelsatz gemeint, da es sich hierbei um das handelt, was jeder bekommt, ungeachtet der Wohnung.


    Ob es den korrekten psychologischen Effekt hat, das kommt eher darauf an, was für einen Effekt ich erzielen wollte. Ich finde das Thema nicht allzu interessant, bin aber der Meinung, dass man sinnvolles unterstützen sollte. Das bedeutet aber nicht, dass ich exzessiv Zeit dafür opfern werde. Also "Weniger Interesse an meinen Beiträgen = Weniger verlorene Zeit".


    Freundliche Grüße
    Shandal

  • Weiterhin gibt das Amt in solchen Fällen immer Unterstützung. Viele Wissen überhaupt nicht, was für Sonderleistungen das Amt einem bietet. Sei es die Übernahme von Umzugskosten, die Kosten für eine (angemessene) Ersteinrichtung der Wohnung, oder sogar der Führerschein, wenn man es korrekt begründen kann. Im Falle einer defekten Waschmaschine kann man mindestens einen zinslosen Kredit bekommen, welchen man abstottert.

    Da sind wir am Punkt, den ich unter "Fremdbestimmung durch den Ermessensspielraum eines Sachbearbeiters bei der ARGE' einordne. Das System bietet Hilfeleistungen, das ist korrekt. Aber man muss sich selbsttätig in der Regel gut informieren, um all diese Hilfsleistungen zu kennen, und dann noch auf einen rationalen Argumenten zugänglichen Sachbearbeiter treffen, der einem diese gewährt, wenn der Anspruch berechtigt ist.
    Ich habe während meiner Hartz IV-Zeit relativ viel recherchiert & nachgefragt und daher die Leistungen erhalten, die ich benötigt habe, aber selbst bei meinem recht höflichen Sachbearbeiter oft erstmal vor einer zähen und langwierigen Argumentationshürde gestanden. Ich musste diesem Menschen jeden Cent extra verbal abringen und bin froh drum, Diskussionskultur während meiner universitären Ausbildung erlernt zu haben. Damals habe ich mich immer wieder gefragt, wie es wohl anderen Leuten mit demselben Sachbearbeiter ergangen ist, die weniger nachdrücklich vorgegangen sind, weniger nachgelesen hatten, weniger argumentativ agieren konnten. Von Sachbearbeitern, die sich überhaupt nicht vom Staatsgeld trennen wollen, weil sie der Ansicht scheinen, das Gegenüber verdiene das Geld generell nicht, einmal ganz zu schweigen - ein guter Freund von mir war gleichzeitig in H4 und hatte einen Sachbearbeiter, der grundsätzlich alles erstmal mit 'Nein' beantwortet hat, egal welche Anfrage. Erst nach einem Sachbearbeiterwechsel, den er nach zähem Ringen hinbekommen hat, bekam er die ihm zustehenden Leistungen im angemessenen Umfang - und so weiter.


    Das Problem des H4-Systems liegt für mich darin, dass es verallgemeinert. Bildung für 1,06€ im Monat? Was genau soll das sein, eine halbe Zeitung? Nachrichtenübermittlung - ist vermutlich Handy und/oder Internet und kommt relativ gut an einen entsprechenden Normaltarif heran. Aber schon bei einer Durchschnittswohnung von 45qm² pro Person (das war damals die Vorgabe in meinem ARGE-Gebiet, kann natürlich variieren) sind 36€ für Energiekosten UND Instandhaltung angesichts heutiger Stromversorgerpreise relativ utopisch. Je nachdem, wo man lebt, sind 35€ für Verkehr entweder machbar oder absolut zu wenig - in der Großstadt ist eine Monatskarte vielleicht zu einem solchen Preis erschwinglich, auf dem Land wird es damit eng (größeres Einzugsgebiet, weniger Benutzer).


    Weiterhin ist es inkorrekt zu sagen, dass Familien mit Kindern weniger haben. Hierfür ist unter anderem das Kindergeld da und es gibt weitere Vergünstigungen. Außerdem sollte man nicht vergessen, was hier scheinbar vergessen wird, dass Hartz 4 ein Netz ist, um Menschen kurzfristig aufzufangen, nicht eine Hängematte in der es bequem sein soll.


    Was in den ganzen Regelsätzen aber selten bis gar nicht berücksichtigt wird, ist die Tatsache, dass Kinder beim Aufwachsen einem sehr hohen Sozialdruck unterliegen. Gerade Kinder aus armen Familien - und so wie Du Deinen bisherigen Lebenswerdegang schilderst, dürftest Du das sicherlich kennen oder zumindest nachempfinden können - werden leicht ausgegrenzt, wenn sie mit Klassenkameraden nicht mithalten können. Ja, für das Notwendigste wird gesorgt, aber nicht für mehr - und das 'mehr' macht oft den Unterschied zwischen ruhigem Aufwachsen und Mobbing aus.


    Ich beschwere mich nicht darüber, dass man sich beim Leben vim H4-Satz einschränken muss. Ein Hartzer muss meiner Ansicht nach weder trinken noch rauchen noch jedes Wochenende ausgehen. Aber dieses System ist durch seinen hohen verallgemeinernden Charakter, der Wohnort, Situation und Möglichkeiten außer acht lässt, eine ziemliche Luftnummer und berechnet auch das Verhalten der Sachbearbeiter nicht mit ein. Alle Leute, die ich im H4-System steckend jemals kennen gelernt habe, wünschten sich nichts sehnlichster, als da ganz schnell wieder rauszukommen, einen Job zu finden, sich vom Amt unabhängig zu machen. Wieder selbst entscheiden zu können, wo man lebt, was man tut, wo man wann ist. Von mir selbst ausgehend: ich habe es gehasst, diese Leistungen in Anspruch nehmen zu müssen und war so schnell wie möglich wieder aus dem System draußen.


  • Da sind wir am Punkt, den ich unter "Fremdbestimmung durch den Ermessensspielraum eines Sachbearbeiters bei der ARGE' einordne. Das System bietet Hilfeleistungen, das ist korrekt. Aber man muss sich selbsttätig in der Regel gut informieren, um all diese Hilfsleistungen zu kennen, und dann noch auf einen rationalen Argumenten zugänglichen Sachbearbeiter treffen, der einem diese gewährt, wenn der Anspruch berechtigt ist.

    Inwiefern ist dies ein Problem oder hat aktiv mit Armut zu tun? Sofern es tatsächlich gute Gründe gibt, wird jeder Sachbearbeiter, notfalls sein Vorgesetzter, dem Antrag zustimmen. Das den Leuten nicht der Hintern hinterher getragen wird, sondern sie sich selbst darum kümmern müssen, ist vollkommen legitim und auch zu erwarten, wenn man bedenkt, dass sie nicht arbeiten und Hilfe erhalten. Es wird nicht aktiv verheimlicht oder verschwiegen, es wird nur nicht überall zur Schau gestellt. Sollte man eine Leistung aber nicht gewährt bekommen, dann sollte man sich tatsächlich fragen, ob man das, was man beantragt hat, wirklich benötigt.


    Ein Beispiel hierfür ist ein Fernseher. Diese werden (teilweise) sogar vom Amt übernommen, da es heutzutage zur Grundausstattung gehört. Wenn man allerdings der Meinung ist, dass man einen riesen Flachbildschirm erhält, hat man sich selbst an den Kopf zu fassen. Das Beispiel mit dem Flachbildschirm ist übrigens wesentlich prägnanter als du glauben würdest und es wird, laut meinen Informationen meines ehemaligen Sachbearbeiters und meiner erwähnten Kollegen, relativ häufig ein Antrag darauf gestellt. Begründet wird es allerdings unterschiedlich. Einmal wurde es sogar bewilligt, weil die Person so schlechte Augen hatte, dass sie nachweisen konnte, dass sie andernfalls nichts davon sieht.


    Zitat von nerd-gedanken

    Ich habe während meiner Hartz IV-Zeit relativ viel recherchiert & nachgefragt und daher die Leistungen erhalten, die ich benötigt habe, aber selbst bei meinem recht höflichen Sachbearbeiter oft erstmal vor einer zähen und langwierigen Argumentationshürde gestanden. Ich musste diesem Menschen jeden Cent extra verbal abringen und bin froh drum, Diskussionskultur während meiner universitären Ausbildung erlernt zu haben. Damals habe ich mich immer wieder gefragt, wie es wohl anderen Leuten mit demselben Sachbearbeiter ergangen ist, die weniger nachdrücklich vorgegangen sind, weniger nachgelesen hatten, weniger argumentativ agieren konnten. Von Sachbearbeitern, die sich überhaupt nicht vom Staatsgeld trennen wollen, weil sie der Ansicht scheinen, das Gegenüber verdiene das Geld generell nicht, einmal ganz zu schweigen - ein guter Freund von mir war gleichzeitig in H4 und hatte einen Sachbearbeiter, der grundsätzlich alles erstmal mit 'Nein' beantwortet hat, egal welche Anfrage. Erst nach einem Sachbearbeiterwechsel, den er nach zähem Ringen hinbekommen hat, bekam er die ihm zustehenden Leistungen im angemessenen Umfang - und so weiter.

    Von was für Leistungen und Anfragen sprechen wir nun genau? Der Regelsatz sollte, wie ich bereits erklärte, ausreichen. Alles weitere wird nicht benötigt und ist eigentlich nur Luxus.

    Zitat von nerd-gedanken

    Das Problem des H4-Systems liegt für mich darin, dass es verallgemeinert. Bildung für 1,06€ im Monat? Was genau soll das sein, eine halbe Zeitung? Nachrichtenübermittlung - ist vermutlich Handy und/oder Internet und kommt relativ gut an einen entsprechenden Normaltarif heran. Aber schon bei einer Durchschnittswohnung von 45qm² pro Person (das war damals die Vorgabe in meinem ARGE-Gebiet, kann natürlich variieren) sind 36€ für Energiekosten UND Instandhaltung angesichts heutiger Stromversorgerpreise relativ utopisch. Je nachdem, wo man lebt, sind 35€ für Verkehr entweder machbar oder absolut zu wenig - in der Großstadt ist eine Monatskarte vielleicht zu einem solchen Preis erschwinglich, auf dem Land wird es damit eng (größeres Einzugsgebiet, weniger Benutzer).

    Bildung ist ein Punkt, welcher auch extrem stark kritisiert wird. Hier kann ich vollkommen zustimmen, deshalb spricht man landläufig auch in diesem Bereich von "Bildungsarmut". Hier müsste es aufgestockt werden, ich persönlich würde 10 Euro veranschlagen, was ungefähr 1-2 Büchern entsprechen würde. Allerdings hätte das zur Folge, dass zum einen die Grenze für Hartz 4 geändert werden müsste, wodurch es mehr Hartz 4-Empfänger gäbe und es würde den Staat, nach dem was ich gelesen habe, ungefähr 1,5 Milliarden Euro jährlich kosten. Wenn man nun bedenkt, dass es geförderte Kurse zur Arbeitsmarktentwicklung gibt, wie zum Beispiel eine Abendschule für EDV oder auch Umschulungen, halte ich es für gerade so akzeptabel, dass es hiermit veranschlagt wird.


    Bezüglich der Energiekosten würde ich sie eigentlich nur als minimal zu niedrig veranschlagt betrachten. Instandhaltung sollte genauer definiert werden, aber für alles was wirklich relevant ist, müsste der Vermieter so oder so aufkommen. Wenn man allerdings sparsam mit dem Strom umgeht und sich einen vernünftigen Anbieter aussucht, sollte das auch hinkommen. Man sollte auch nicht vergessen, dass so etwas wie ein Wasserkocher nicht zum Thema Instandhaltung fällt, sondern dafür ein Extra Kostenpunkt gegeben ist.


    Weshalb gehst du aber direkt von einer Monatskarte aus? Das meiste sollte Fußläufig zu erreichen sein, dementsprechend brauchst du lediglich eine Tageskarte jeweils, wenn du zum Beispiel einkaufen gehst. Kaufst du nur einmal die Woche ein, gibst du auch hierfür weniger Geld aus. Es ist also auch hier realistisch. Eine Monatskarte wäre in dem Fall Luxus. Hat es etwas mit Armut zu tun, wenn man nicht laufen möchte? Ich finde nicht.


    Man sollte außerdem einmal festhalten, dass der Regelsatz daran berechnet wird, was ein durchschnittlicher Single-Haushalt aus den 15% der untersten Einkommen zur Verfügung hat, der keine Sozialhilfe erhält. Natürlich mit marginalen Abstrichen. Wenn also solche Leute es schaffen, obwohl sie extra kosten durch Arbeit und so weiter haben, warum sollte es dann eine Person die de facto nichts tut mehr bekommen?

    Zitat von nerd-gedanken

    Was in den ganzen Regelsätzen aber selten bis gar nicht berücksichtigt wird, ist die Tatsache, dass Kinder beim Aufwachsen einem sehr hohen Sozialdruck unterliegen. Gerade Kinder aus armen Familien - und so wie Du Deinen bisherigen Lebenswerdegang schilderst, dürftest Du das sicherlich kennen oder zumindest nachempfinden können - werden leicht ausgegrenzt, wenn sie mit Klassenkameraden nicht mithalten können. Ja, für das Notwendigste wird gesorgt, aber nicht für mehr - und das 'mehr' macht oft den Unterschied zwischen ruhigem Aufwachsen und Mobbing aus.

    Das stimmt absolut. Deshalb sollte man den Sinn von ALG2 nicht vergessen. Es ist die Grundversorgung, es ist kein Luxus. Aber ein Leben ohne exzessiven Luxus ist nicht gleichzusetzen mit Armut.


    Es gibt Forderungen, dass man in den Regelsatz einen Betrag von 20 Euro einrechnen sollte, der für Dinge wie Geschenke für die Enkel gedacht sein soll. Dies würde aber das selbe Resultat haben, wie meine Ausführungen zur Bildung.


    Außerdem gibt es sogar die Möglichkeit, dass die Eltern zumindest einen Mini-Job annehmen und somit extra Geld verdienen. Hier ist allerdings oftmals der Stolz zu groß und man "sieht es nicht ein" für vielleicht 150 Euro monatlich extra 12 Stunden die Woche zu arbeiten. Das man keinen Job findet, ist unwahrscheinlich. Es ist hierbei eher das Problem, dass die Person dann nicht z. B. Putzen gehen möchte. Da dies die Realität ziemlich gut widerspiegelt, behaupte ich, dass man hier nicht von Armut sprechen kann.


    Kinder könnten theoretisch auch anfangen ihr eigens Geld zu verdienen. Zeitungen austragen ist zum Beispiel eine Möglichkeit. Man sollte hier also eher den Fokus auf die Möglichkeiten der Entwicklung legen, als Fehlverhalten der Eltern zu begünstigen. Allerdings muss ich fairerweise zu geben, dass es bei mir nichts genutzt hätte, da meine Eltern mir routiniert mein erspartes gestohlen haben. Allerdings ist so etwas nicht die Schuld des Systems.

    Zitat von nerd-gedanken

    Ich beschwere mich nicht darüber, dass man sich beim Leben vim H4-Satz einschränken muss. Ein Hartzer muss meiner Ansicht nach weder trinken noch rauchen noch jedes Wochenende ausgehen. Aber dieses System ist durch seinen hohen verallgemeinernden Charakter, der Wohnort, Situation und Möglichkeiten außer acht lässt, eine ziemliche Luftnummer und berechnet auch das Verhalten der Sachbearbeiter nicht mit ein. Alle Leute, die ich im H4-System steckend jemals kennen gelernt habe, wünschten sich nichts sehnlichster, als da ganz schnell wieder rauszukommen, einen Job zu finden, sich vom Amt unabhängig zu machen. Wieder selbst entscheiden zu können, wo man lebt, was man tut, wo man wann ist. Von mir selbst ausgehend: ich habe es gehasst, diese Leistungen in Anspruch nehmen zu müssen und war so schnell wie möglich wieder aus dem System draußen.

    Weder Wohnort, noch Situation oder Möglichkeiten werden außer Acht gelassen. Jede Gemeinde hat ihre eigenen Regelungen bezüglich angemessenem Wohnraum, was sich an der Marktlage orientiert. Deshalb wird der Wohnort bewusst berücksichtigt. Die Situation der Individuen wird ebenfalls in Betracht gezogen und man versucht (sollte versuchen) geeignete Maßnahmen zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu finden.


    Das Amt hat hierfür hunderte Möglichkeiten. Bezahlte Praktika. Unterstützung beim Gehalt in den ersten Monaten nach einer Anstellung unter bestimmten Voraussetzungen. Vermittlung von Fähigkeiten. Bewerbungshilfen. Weiterbildung. Unterstützung bei Kinderbetreuung. Integrationsangebote.


    Der einzige Punkt, in welchem nicht die persönlichen Umstände betrachtet werden, sind Abhängigkeiten, wie zum Beispiel das Rauchen. Und das sind auch Punkte, welche man nicht unterstützen sollte. Ich meine, jetzt einmal im Ernst, wenn du einen Job angeboten bekommen würdest, aber dich um deine Mutter kümmern musst und dir der Job das verwehren würde, könntest du den Job ablehnen ohne das es Konsequenzen für dein ALG2 hätte. So etwas ist enorme Toleranz in unserem Sozial-Hilfe-System.


    Dafür muss man aber Freiheiten opfern. Man muss sich anpassen an die Gegebenheiten, das hast du alles richtig erkannt. Deshalb sind aber auch so viele Personen nicht gut auf ALG2 zu sprechen. Weil sie durch den Bezug von ALG2 nicht mehr unabhängig sind. Ihnen mehr zu gewähren wäre de facto asozial, weil es die Mehrheit der Gesellschaft negativ beeinflussen würde, nur um einem bestimmten Personenstand etwas mehr Luxus zu verschaffen.

    Zitat von nerd-gedanken

    Beispiel 1:
    Vollkommen irrelevant. Das hat nichts mit dem System oder Armut zu tun, das ist ein Problem der Bürokratie. Jeder Mensch in Deutschland weiß, dass wir zu bürokratisch sind.
    Beispiel 2:
    Für so einen Fall gibt es die Möglichkeit, dass man einen Vorschuss erhält. Das ist wieder eine Sache der Konversation. Es Pauschal zu gewähren wäre naiv, auch mit einem Schreiben, weil in dem Fall plötzlich auch falsche Auszahlungen stattfinden würden und man das Geld nie wieder sehen würde.


    Insgesamt sehe ich von dir berechtigte Kritik beim Thema Bürokratie. Das hat aber, wie erwähnt, nichts mit dem ALG2-System zu tun und auch nicht mit Armut.


    Freundliche Grüße
    Shandal

  • Ich definiere das Wort Armut schon damit, dass man arm ist, wenn man alleine ist. Wenn man keine Familie hat oder Freunde. Für mich bedeutet Armut auch, wenn man keine Freude am Leben hat oder wenn man sein Leben nicht pflegt und froh ist, dass man auf dieser Welt sein kann.

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