Weiterhin gibt das Amt in solchen Fällen immer Unterstützung. Viele Wissen überhaupt nicht, was für Sonderleistungen das Amt einem bietet. Sei es die Übernahme von Umzugskosten, die Kosten für eine (angemessene) Ersteinrichtung der Wohnung, oder sogar der Führerschein, wenn man es korrekt begründen kann. Im Falle einer defekten Waschmaschine kann man mindestens einen zinslosen Kredit bekommen, welchen man abstottert.
Da sind wir am Punkt, den ich unter "Fremdbestimmung durch den Ermessensspielraum eines Sachbearbeiters bei der ARGE' einordne. Das System bietet Hilfeleistungen, das ist korrekt. Aber man muss sich selbsttätig in der Regel gut informieren, um all diese Hilfsleistungen zu kennen, und dann noch auf einen rationalen Argumenten zugänglichen Sachbearbeiter treffen, der einem diese gewährt, wenn der Anspruch berechtigt ist.
Ich habe während meiner Hartz IV-Zeit relativ viel recherchiert & nachgefragt und daher die Leistungen erhalten, die ich benötigt habe, aber selbst bei meinem recht höflichen Sachbearbeiter oft erstmal vor einer zähen und langwierigen Argumentationshürde gestanden. Ich musste diesem Menschen jeden Cent extra verbal abringen und bin froh drum, Diskussionskultur während meiner universitären Ausbildung erlernt zu haben. Damals habe ich mich immer wieder gefragt, wie es wohl anderen Leuten mit demselben Sachbearbeiter ergangen ist, die weniger nachdrücklich vorgegangen sind, weniger nachgelesen hatten, weniger argumentativ agieren konnten. Von Sachbearbeitern, die sich überhaupt nicht vom Staatsgeld trennen wollen, weil sie der Ansicht scheinen, das Gegenüber verdiene das Geld generell nicht, einmal ganz zu schweigen - ein guter Freund von mir war gleichzeitig in H4 und hatte einen Sachbearbeiter, der grundsätzlich alles erstmal mit 'Nein' beantwortet hat, egal welche Anfrage. Erst nach einem Sachbearbeiterwechsel, den er nach zähem Ringen hinbekommen hat, bekam er die ihm zustehenden Leistungen im angemessenen Umfang - und so weiter.
Das Problem des H4-Systems liegt für mich darin, dass es verallgemeinert. Bildung für 1,06€ im Monat? Was genau soll das sein, eine halbe Zeitung? Nachrichtenübermittlung - ist vermutlich Handy und/oder Internet und kommt relativ gut an einen entsprechenden Normaltarif heran. Aber schon bei einer Durchschnittswohnung von 45qm² pro Person (das war damals die Vorgabe in meinem ARGE-Gebiet, kann natürlich variieren) sind 36€ für Energiekosten UND Instandhaltung angesichts heutiger Stromversorgerpreise relativ utopisch. Je nachdem, wo man lebt, sind 35€ für Verkehr entweder machbar oder absolut zu wenig - in der Großstadt ist eine Monatskarte vielleicht zu einem solchen Preis erschwinglich, auf dem Land wird es damit eng (größeres Einzugsgebiet, weniger Benutzer).
Weiterhin ist es inkorrekt zu sagen, dass Familien mit Kindern weniger haben. Hierfür ist unter anderem das Kindergeld da und es gibt weitere Vergünstigungen. Außerdem sollte man nicht vergessen, was hier scheinbar vergessen wird, dass Hartz 4 ein Netz ist, um Menschen kurzfristig aufzufangen, nicht eine Hängematte in der es bequem sein soll.
Was in den ganzen Regelsätzen aber selten bis gar nicht berücksichtigt wird, ist die Tatsache, dass Kinder beim Aufwachsen einem sehr hohen Sozialdruck unterliegen. Gerade Kinder aus armen Familien - und so wie Du Deinen bisherigen Lebenswerdegang schilderst, dürftest Du das sicherlich kennen oder zumindest nachempfinden können - werden leicht ausgegrenzt, wenn sie mit Klassenkameraden nicht mithalten können. Ja, für das Notwendigste wird gesorgt, aber nicht für mehr - und das 'mehr' macht oft den Unterschied zwischen ruhigem Aufwachsen und Mobbing aus.
Ich beschwere mich nicht darüber, dass man sich beim Leben vim H4-Satz einschränken muss. Ein Hartzer muss meiner Ansicht nach weder trinken noch rauchen noch jedes Wochenende ausgehen. Aber dieses System ist durch seinen hohen verallgemeinernden Charakter, der Wohnort, Situation und Möglichkeiten außer acht lässt, eine ziemliche Luftnummer und berechnet auch das Verhalten der Sachbearbeiter nicht mit ein. Alle Leute, die ich im H4-System steckend jemals kennen gelernt habe, wünschten sich nichts sehnlichster, als da ganz schnell wieder rauszukommen, einen Job zu finden, sich vom Amt unabhängig zu machen. Wieder selbst entscheiden zu können, wo man lebt, was man tut, wo man wann ist. Von mir selbst ausgehend: ich habe es gehasst, diese Leistungen in Anspruch nehmen zu müssen und war so schnell wie möglich wieder aus dem System draußen.
Beispiel 1: ich habe mich korrekt zum Urlaub auf dem Amt abgemeldet - habe mir das Ganze glücklicherweise quittieren und stempeln lassen. Als ich mich die Woche darauf weisungsgemäß zurückgemeldet habe, wusste man im Amt von nichts, weil es nicht in meine Akte eingetragen war und wollte gleich für unerlaubtes Fernbleiben Sanktionen verhängen. Glücklicherweise hatte ich meinen Zettel mit Stempel und Unterschrift noch.
Beispiel 2: 200€-Heizungsnachzahlung nach einem sehr überraschend sehr harten Winter, bei dem deutlich mehr geheizt werden musste als üblich, die mir zu Monatsbeginn wegen Lastschriftverfahren mein Konto zzgl. zu laufenden Kosten leergeräumt hat. Als ich auf dem Amt selbiges angezeigt habe und ihnen den entsprechenden Brief zeigte, hieß es 'Buchen Sie doch das Geld einfach zurück!", eine Übernahme dauere angeblich mindestens zwei Wochen in der Ausführung. Als ich nach dem Chef verlangt habe und dort die Sache eskalieren wollte, ging es dann plötzlich doch - nur zwei der interessanten Begebenheiten mit ARGE-Sachbearbeitern)